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Die Lieder von Udo Jürgens stehen stilistisch zwischen Schlager, Chanson und Pop. Noch immer funktionieren sie live bestens

Infos

Udo Jürgens & das Orchester Pepe Lienhard, 30. Oktober, 20 Uhr, Offenburg, Baden-Arena

30/10/09  „Ich musste erst zu mir selber finden”

Seit Jahrzehnten verzaubert Udo Jürgens die Menschen mit Liedern voller Tiefgang, Herz und Humor. Am 30. Oktober gibt er zusammen mit dem Orchester Pepe Lienhard ein Konzert in Offenburg. Die Zuhörer können sich auf Stücke des „Einfach ich“-Albums und auf einen Rückblick seines musikalischen Lebenswerks freuen. galerie:ortenau traf den gebürtigen Klagenfurter zum Gespräch.


galerie:ortenau: Herr Jürgens, welche Beziehung haben Sie zu Offenburg?
■ Udo Jürgens: Meine Beziehung zu Offenburg geht auf das Haus Burda zurück. Die ersten Stücke in meiner Karriere müssen Senator Franz Burda und seiner Frau Aenne wohl ganz gut gefallen haben. Beide haben mich dann des Öfteren zu familiären Veranstaltungen nach Offenburg eingeladen. So lernte ich die ganze Familie kennen. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Aenne Burda beinahe so etwas wie einen weiteren Sohn in mir gesehen hat. Es war eine sehr herz­liche, persönliche Beziehung.
Aenne Burda soll einmal gesagt haben, dass Sie ihr Traum-Schwiegersohn gewesen wären.
■ Ja. (lacht) Soviel ich weiß, hat sie allerdings keine Tochter, oder? Sonst hätte es vielleicht klappen können. (lacht)
Die Offenburger Autorin Ute Dahmen hat ja auch mit Ihnen ein Gespräch geführt für ihre kürzlich erschienene Aenne-Burda-Biografie. Wie fest war Ihre Beziehung zu Aenne Burda?
■ „Fest“ ist natürlich übertrieben. Aber ausgehend von den ersten Einladungen zu Beginn meiner Karriere hat sich das im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Auch nach dem Tod ihres Mannes hat mich Aenne manchmal angerufen, wenn irgendwas Besonderes war. Und dann bin ich gekommen und habe bei Veranstaltungen einen kleinen Auftritt gegeben. Ich habe Aenne Burda als eine große Dame der deutschen Gesellschaft bewundert. Sie stammt aus einer Generation, als die Frauen – wenn sie eine Bedeutung hatten – es noch verstanden haben, kraft ihrer Persönlichkeit den Raum zu füllen. In der heutigen Zeit gibt es das kaum noch. Da erleben wir die großen Auftritte von den Damen durch kurze Röcke, tiefe Dekolletés und freche Sprüche.
Sie selber sind auch eine große Persönlichkeit und für manche Menschen vielleicht sogar ein Vorbild. Gibt es Leute, die Ihnen imponieren?
■ Aber natürlich. Ohne Menschen, die wir bewundern, sind wir arm. Der Mensch braucht jemanden, zu dem er hinschaut, den er sich als Maßstab nimmt, dessen Worte er verinnerlicht. Nach dem Gespräch mit einem Menschen oder wenigstens nach seiner Beobachtung bildet sich eine gewisse Begeisterung für ihn heraus oder eben nicht. Das ist der Grund, warum wir von George W. Bush nicht sehr beeindruckt waren. Dem Obama hingegen hören die Menschen zu, vor allem die jungen Leute. Was er sagt, woran er glaubt und wie er das verkündet, das wirkt authentisch. Das heißt nicht, dass er mit vielen Dingen in der Politik scheitern kann. Aber auf jeden Fall ist er eine Person in der großen Öffentlichkeit des Weltgeschehens, auf die wir alle mit einer gewissen Bewunderung, mit Erwartungen und Dankbarkeit blicken.
Also ist Barack Obama eine Person, die Ihnen imponiert?
■ Natürlich. Mir imponiert aber auch Angela Merkel, muss ich sagen.
Weshalb?
■ Man wird erst später merken, was die draufhat. Sie ist eine sehr gebildete und
kluge Frau. Wie sie mit den Mächtigen der Welt umgeht – mit Bestimmtheit und einem einfachen Charme –, das ist beeindruckend. Ich habe mich neulich mit einem Nobelpreisträger aus Asien unterhalten, und der hat buchstäblich von Angela Merkel geschwärmt.
Sie werden am 30. September 75 Jahre alt, verfügen also über eine große Lebenserfahrung. Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste im Leben?
■ Es gibt viele wichtigste Dinge. Eines davon ist der Weg zu sich selbst. Damit meine ich die Einordnung, das Erkennen, das Nicht-Überschätzen, aber auch das Nicht-Unterschätzen von sich selbst. Der Minderwertigkeitskomplex ist vielleicht sogar noch schlimmer als der Größenwahn. Minderwertigkeit führt zu gefährlichen Situationen – bis hin zu Kurzschlussreaktionen, die andere mit ins Unglück stürzen. Aus Verzweiflung sind Menschen fähig, unglaubliche Dinge zu tun. Die Ausgewogenheit in der Selbsterkenntnis und der vorsichtige Weg, sich selbst in seiner Persönlichkeit weiter nach oben zu bringen, das ist legitim und das sollte auch jeder Mensch tun. Eine ausgewogene Selbsteinschätzung ist unglaublich schwer. Ein junger Mann leidet entweder unter gnadenlosen Minderwertigkeitskomplexen oder an Selbstüberschätzung.
Hatten Sie auch mal mit dem einen oder dem anderen zu tun?
■ Mit Sicherheit.
Was war mehr vorhanden?
■ Der Minderwertigkeitskomplex, wobei der bei mir nie gefährliche Ausmaße angenommen hat. Ich wäre nie eine Gefahr für andere geworden. Ich musste erst zu mir selber finden und erkennen: Mensch, du bist talentiert, du musst mit einem Selbstbewusstsein da hingehen und das machen. Wenn man mit zusammengekniffenem Hintern auf die Bühne tritt, dann kann man nur untergehen. Wenn man die Bühne vor dem Publikum betritt – das ist der einzige Augenblick, wo man glauben darf, man sei der Mittelpunkt der Welt. Das ist ganz wichtig, dass da das Selbstbewusstsein intakt ist.
In einem Interview mit der Zeitschrift Neon haben Sie vor einiger Zeit gesagt, dass das, was Sie in Ihrem Leben antreibt, das Sich-Einmischen ist. Könnten Sie das etwas genauer erklären?
■ Das Einmischen muss man sicher mit Vorsicht betreiben. Ich bemühe mich nicht, Talkshow-Gast in allen Sendungen zu sein und zu allen Lebenslagen meinen Senf dazuzugeben. Das machen schon zu viele und vor allem zu schwach. Da bin ich eher für Zurückhaltung. Aber wenn man in einem guten Kreis sitzt mit führenden intelligenten Köpfen, und man spürt, dass man Dinge sagt, die ernst genommen werden, dann soll man auch den Mut haben, zur einen oder anderen Frage, die nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun hat, sich zu äußern.
Sie haben in demselben Interview gesagt, dass Ihnen im Laufe Ihres Lebens die Unbekümmertheit abhanden gekommen ist. Wie kam das?
■ Das kam durch das, was im Laufe meines Lebens auf mich einstürzte. Das ist ganz logisch. Die Unbeschwertheit der Anfangsjahre, mit Musik, Klängen und Instrumenten umzugehen, die verliert man natürlich. Weil ich inzwischen mit dem London Royal Philharmonic Orchestra gespielt habe und mit den Berliner Philharmonikern im Studio gestanden habe. Das hatte gewaltige Dimen­sionen angenommen. Ich kann mich nicht mehr so unbeschwert ans Klavier setzen, wie zum Beispiel einer von den Sportfreunden Stiller eine Gitarre in die Hand nimmt.
Letzte Frage: Gibt es einen Traum in Ihrem Leben, den Sie noch nicht verwirklicht haben?
■ Ich habe noch viele Projekte, die ich gern umsetzen möchte. Eines ist die Verfilmung meines Buches „Der Mann mit dem Fagott“. Außerdem hoffe ich, die „Krone der Schöpfung“ auf die Bühne zu kriegen. Das ist eine sinfonische Dichtung für Sinfonieorchester, Rockband, Klavier und Gesang. Derzeit kommen Anfragen von verschiedenen Orchestern. Wenn alles klappt, dann kommt im Herbst nächsten Jahres etwas Tolles auf uns zu – hoffentlich. Es ist alles Hoffnung, es ist alles ein Traum. Wenn ein Datum für die Aufführung erst einmal steht, dann scheint der Traum Wirklichkeit zu werden.


Foto: Manfred Bockelmann/Sony Music

Kommentar 1

24/09/09 18:34 - Inge Möhrmann

Udo Jürgens in Offenburg

Mit Spannung und Neugier habe ich das Interview mit Udo Jürgens gelesen. Spannend und vor allem sehr interessant, zeigt es doch, dass der Journalist es verstanden hat, ein bisschen mehr von Udo Jürgens zu erfahren - den Leser wissen zu lassen, welche Wünsche und Träume der Künstler hat und - vor allen Dingen - es macht neugierig auf Neues und noch viel mehr Musik.
Einfach klasse.
 
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